Freiheit oder Sicherheit: Sebastian Kühn

Anzug und Krawatte, morgens als Erster im Büro, Eigentumswohnung. Oder doch Shorts und Flipflops, ortsunabhängig arbeiten und reisen. Es gibt Entscheidungen, die alles verändern. Freiheit oder Sicherheit? Hätte sich Sebastian Kühn (33) vor einigen Jahren anders entschieden, würde er vermutlich immer noch im Einzelhandel arbeiten, ein konventionelles Leben führen — in einer Welt, die heute von der seinen Lichtjahre entfernt ist.

Nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann dachte Sebastian, das Gefühl von Sicherheit würde ihn glücklich machen. Er nahm sich eine große Wohnung, kaufte ein Auto, schloss verschiedene Versicherungen ab — und stellte fest, dass er seine Zeit damit verbrachte, all dies abzubezahlen. Glück? Fehlanzeige.

Als in Sebastians Betrieb Stellen abgebaut werden sollten, entschied er sich gegen einen neuen, für ihn ungünstigeren Lebensweg.

Er verkaufte seinen Besitz, ging nach Australien.

Work and Travel. Raus aus der Komfortzone. Frei sein. Ein Jahr Auszeit, nur mit einem Rucksack. Eine erste Veränderung, nicht nur örtlich. „Seit Australien habe ich keinen Hausrat, kein Auto, keinen Fernseher“, sagt Sebastian.

Er kehrte zurück nach Deutschland, studierte in Berlin BWL, arbeitete als Praktikant bei verschiedenen Start-ups. „Es war immer spannend, aber nach ein paar Monaten war immer die Lust raus“, erinnert sich der 33-Jährige.

Er fragte sich: „Was stimmt nicht mit mir?“ 

Eine Frage, die sich wohl viele Angestellte stellen, die mit ihrer Situation unzufrieden sind und nicht wissen, was sie ändern können. Die Antwort ist denkbar einfach: Es ist alles richtig mit dir, bloß stimmen die Umstände nicht.

So war es bei Sebastian. Er ging mit seiner Freundin, die er im Studium kennengelernt hatte, nach Shanghai. Ein Ortswechsel. Doch die gedankliche Veränderung sollte noch folgen: Die Festanstellung in der chinesischen Industriestadt gab der Wahl-Berliner nach wenigen Monaten auf, machte sich selbständig als Übersetzer und Social-Media-Betreuer.

Weil er langfristig nicht von Kunden abhängig sein wollte, informierte sich Sebastian über das Geldverdienen im Internet.

Er fing an, Affiliate-Seiten zu erstellen, und konnte nach eineinhalb Jahren von den Einnahmen leben.

Diese Nischenseiten sind für den 33-Jährigen Mittel zum Zweck; sie bringen ihm Geld ein, damit er sich auf sein Leidenschaftsprojekt konzentrieren kann: seinen Blog „Wireless life“.

Aus diesem heraus entwickelte Sebastian eine Community, weil er sich mit Menschen austauschen wollte, die ähnlich ticken. Das wiederum mündete in Offline-Workations — internationale Treffen von ortsunabhängig Arbeitenden auf Bali, in Thailand oder in Marokko.

Der Kontakt zu Gleichgesinnten sei wichtig, weil er wertvoll für die eigene Entwicklung sei und weil sonst schnell Zweifel aufkommen, sagt Sebastian.

Zweifel, ob die Selbständigkeit das Richtige ist. Oder das Leben im Ungewissen. Ein wenig hat sich der digitale Nomade von seinen Sorgen freigemacht. Selbst wenn seine Nischenseiten plötzlich keinen Gewinn mehr abwerfen sollten, würde er mit der Expertise, die er sich in den vergangenen Jahren angeeignet hat, andere Wege finden, um Geld zu verdienen, um wieder auf die Beine zu kommen.

Freiheit oder Sicherheit: Die Zeit in Australien hat ihn gelehrt, dass es immer weitergeht, auch wenn das Konto komplett leer ist.

Seine Denkweise hat sich verändert; das Worst-Case-Szenario erscheint nicht mehr so schrecklich. Sein Sicherheitsbedürfnis, mit dem er einst Glück assoziierte, hat Sebastian heute nicht mehr.

Jene, die Familie haben, mögen einwerfen, dass sie ein größeres Risiko tragen, weil sie etwa Verantwortung für ihre Kinder haben. Doch das stimmt nur teilweise. Familie — das ist nach Sebastians Worten eine gute Ausrede, um kein Risiko einzugehen, um in Konventionen zu verharren, statt die beste Version seiner selbst zu werden.

„Auch mit Familie kann man einen Ausstieg planen“, sagt Sebastian. „Man kann seine Familie einbeziehen, den Hausrat verkaufen, seine Arbeitsstunden reduzieren und nebenbei etwas Eigenes auf die Beine stellen.“ Eine Familie kann geradezu eine Motivation sein, um mehr Freizeit zu haben, unabhängiger zu sein. 

Im Grunde gehe es um die innere Haltung: Siehst du unlösbare Probleme oder Chancen?

Wer Letzteres wählt, entscheidet sich für die Freiheit. Für Selbstbestimmung. Für sich selbst.

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1 Comment

  • Reply Gegen die Konvention: Sebastian Kühn von "Wireless Life" 7. September 2016 at 13:30

    […] Den Artikel dazu – Entscheidung gegen die Konvention: Sebastian Kühn von “Wireless Life&#82… […]

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